Das Integritätsprotokoll für Kunstwerke

Das Integritätsprotokoll ist ein neues Bewertungsinstrument zur systematischen Beurteilung der Werkintegrität, eines Kunstwerks. Es ergänzt das klassische Zustandsprotokoll und erweitert es um eine analytische Betrachtung der Wahrhaftigkeit und Stimmigkeit eines Werkes.

Während ein Zustandsprotokoll ausschließlich den materiellen Erhaltungszustand beschreibt, fragt das Integritätsprotokoll danach, in welchem Maß ein Kunstwerk heute noch dem entspricht, was es seinem Wesen, seiner künstlerischen Intention und seiner historischen Realität nach sein soll.

Die Bewertung erfolgt nicht absolut, sondern stets im Vergleich zu einem „in Art und Güte vergleichbaren Referenzwerk unter optimalen musealen Bedingungen„.

Im sichtbaren Licht erscheint das Gemälde weitgehend intakt. Unter UV-Fluoreszenz zeigen sich weitreichende Retuschen. Wieviel ist vom eigentlichen Konzept des Künstlers noch vorhanden? Wie stark verändern die Retuschen das Verständnis des Bildes? Wie hoch ist die Integrität des Gemäldes in Relation zu einem (fiktiven) vergleichbaren Portrait bei bester musealer Pflege? Das Integritätsprotokoll gibt darüber Auskunft.

Die Werkintegrität

Die Werkintegrität bezeichnet den Grad der Kohärenz, Authentizität, Stimmigkeit und Aussagekraft eines Kunstwerks in seiner Gesamtheit. Der Begriff fußt auf der UNESCO-Definition von Integrität als Maß der Ganzheit und Aussagekraft kultureller Güter, übertragen auf das einzelne Kunstwerk.

Werkintegrität ist damit ein vergleichendes Qualitätsmerkmal, das historische Veränderungen nicht ausschließt, sondern in Relation zu einem vergleichbaren Referenzwerk bewertet.


Authentizität und Integrität – zwei unterschiedliche Begriffe

Authentizität bezeichnet die Echtheit eines Kunstwerks. Sie beantwortet die Frage, ob ein Werk tatsächlich von dem benannten Künstler stammt und in seiner Urheberschaft gesichert ist. Die Feststellung der Authentizität ist Grundlage jeder kunsthistorischen und gutachterlichen Einordnung.

Integrität hingegen beschreibt den Grad der erhaltenen Identität eines Werkes. Sie bewertet, in welchem Maß Material, Form, Bedeutung und Wirkung noch in einer stimmigen Einheit erhalten sind.

Ein Kunstwerk kann vollständig authentisch sein und dennoch eine geringe Integrität besitzen – etwa wenn durch Restaurierungen, Überarbeitungen oder Verluste seine ursprüngliche Aussage wesentlich beeinträchtigt wurde.


Bewertungslogik

Die Werkintegrität wird anhand definierter materieller und immaterieller Kriterien auf einer Skala von 1,00 bis 10,00 bewertet. Für jedes Kriterium wird das vorliegende Kunstwerk mit einem fiktiven „in Art und Güte vergleichbarem Kunstwerk bei bester musealer Pflege“ verglichen. Das Maß der vorhanden Integrität wird für jedes Kriterium Jedes Kriterium wird erläutert.

Der geschulte Sachverständige, Schadensregulierer oder Restauratoren können fiktive Bestzustände projizieren. Im Versicherungswesen wird das z.B. mit der Differenzhypothese bereits viele Jahrzehnte umgesetzt, bei Restauratoren sind gepflegte Bestzustände mit minimalen Eingriffen Ziel und Aufgabe des Berufs.

Durch den Vergleich mit der Integrität eines


Materielle Kriterien der Werkintegrität

  • M1 – Materialauthentizität
    • In welchem Maß entspricht die gegenwärtig vorhandene Materialsubstanz derjenigen eines vergleichbaren Referenzwerkes?
  • M2 – Technische Integrität
    • In welchem Maß entspricht die sichtbare und nachweisbare Ausführungstechnik der ursprünglichen technischen Konzeption und Ausführung eines vergleichbaren Werkes?
  • M3 – Formale Integrität
    • In welchem Maß entsprechen Form, Oberfläche, Farbigkeit und Gesamtwirkung dem Erscheinungsbild eines vergleichbaren Referenzwerkes?
  • M4 – Historisch-materiale Spuren
    • In welchem Maß sind die vorhandenen Alterungs- und Gebrauchsspuren historisch plausibel und mit denen eines vergleichbaren Werkes vereinbar?

Immaterielle Kriterien der Werkintegrität

  • I1 – Künstlerische Intention
    • In welchem Maß lässt das Werk die ursprüngliche künstlerische Intention heute noch unmittelbar erkennen?
  • I2 – Bedeutungs- und Aussageintegrität
    • In welchem Maß vermittelt das Werk seine inhaltliche, kulturelle und symbolische Bedeutung unverfälscht im Vergleich zu einem Referenzwerk?
  • I3 – Kontextuelle Integrität
    • In welchem Maß unterstützt der gegenwärtige Präsentations- oder Nutzungskontext eine angemessene und wahrhaftige Wahrnehmung des Werkes?
  • I4 – Historische Authentizität
    • In welchem Maß entspricht der heutige Zustand der dokumentierten historischen Realität des Werkes?
  • I5 – Wahrnehmungs- und Erfahrungsintegrität
    • In welchem Maß ermöglicht das Werk heute eine kohärente ästhetische und geistige Erfahrung, die der eines vergleichbaren Referenzwerkes entspricht?

Anwendungsbereiche

Das Integritätsprotokoll wird eingesetzt bei:

  • Kauf- und Verkaufsentscheidungen im Kunst- und Auktionshandel
    • Das Integritätsprotokoll klärt, wie nahe das Werk noch am ursprünglichen Konzept des Künstler ist. Ein authentisches Werk mit hoher Werkintegrität ist ein Kaufargument.
  • Versicherungsbewertungen und Schadensfällen
    • Eine Beschädigung verändert die Integrität eines Werks. Eine Restaurierung kann die Integrität wieder verbessern. Die Bewertung nach Integrität – nicht nach Schaden – führt zu einem ehrlicheren und nachvollziehbareren Bewertungsergebnis.
  • Beurteilung von Wertminderungen
    • Die „Wertminderung nach Restaurierung“ kann präziser und nachvollziehbarer argumentiert werden.
  • Strategischen Sammlungsanalysen
    • Bei Bewertung, Versicherung und Kuratierung von Sammlungsbeständen kann das Integritätsprotokoll der einzelnen Werke Aufschluss über die tatsächliche Bedeutung / Einzigartigkeit einer Sammlung geben – über die Authentizität hinaus.
  • Konservatorischen Entscheidungsprozessen
    • Mit dem Ziel, die Integrität zu erhöhen, und nicht nur den Zustand zu stabilisieren und zu verbessern, können Konservierungs- und Restaurierungskonzepte klarer formuliert und argumentiert werden.

Das Integritätsprotokoll ermöglicht eine nachvollziehbare und transparente Bewertung, die über den reinen Erhaltungszustand hinausgeht und die tatsächliche Nähe zum Bestzustand eines Kunstwerks differenziert abbildet.

Dr. Martin Pracher, Jan. 2026