
Multispektrale Untersuchung
Bei der multispektralen Untersuchung wird das Kunstwerk im sichtbaren, infraroten und ultravioletten Spektrum betrachtet. Je nach Lichtquelle und Filter können verschiedene Phänomene sichtbar gemacht werden, die zusätzliche Informationen zum Kunstwerk liefern. UV-Fluoreszenz UVF, Infrarot-Reflektographie IRR, Infrarot-Lumineszenz IRL, Aerochrome AE, UV-Reflektographie UVR. Darunter IRR-Falschfarben, FCIR, und UVR-Falschfarben, FCUVR.
Fallstudie 1:
Künstlerpalette, Ende 19. Jh.


Rot: IRR-Aufnahme (Graustufen)
Grün: Visueller Rot-Kanal
Blau: Visueller Grün-Kanal

Rot: Visueller Grün-Kanal
Grün: Visueller Blau-Kanal
Blau: UVR-Aufnahme (Graustufen)
Siehe dazu: Blog Falschfarben.
Fallstudie 2:
Unbekannter Künstler, „Abstrakte Komposition“,
wohl 1920er/30er Jahre, Ölfarbe auf Leinwand auf Keilrahmen, auf älterem Gemälde gemalt, 58 x 53cm. Provenienz: laut Verkäufer aus der Werkstatt der aufgelösten Kunsthandlung Heinrich Picker, Gökerstraße, Wilhelmshaven.










Rot: IRR-Aufnahme (Graustufen)
Grün: Visueller Rot-Kanal
Blau: Visueller Grün-Kanal

Rot: Visueller Grün-Kanal
Grün: Visueller Blau-Kanal
Blau: UVR-Aufnahme (Graustufen)

Über die Falschfarbenfotografien lassen sich erste Hinweise auf die Pigmentverwendung geben.
Sicherste Identifikationen anhand FCIRR und FCUVR:
- Kadmiumrot tritt zweimal auf (Dunkelrot oben-links und Warmrot Spirale) mit identischen Signaturen: IR/VIS über 2.8 und UV/VIS über 1.2. Das ist charakteristisch für Kadmiumsulfid (CdS) und Kadmiumsulfoselenid — anorganische Pigmente mit sehr hoher NIR-Reflexion. Im FCIR erscheinen sie leuchtend gelb-orange, was den warmen Gelbton in deinem Bild erklärt.
- Preußischblau (Blau oben-links) fällt durch IR/VIS unter 1.0 auf — dieses Pigment absorbiert im Nahinfrarot stark, was für Eisencyanid-Verbindungen typisch ist.
- Viridian (Grün oben-links) zeigt IR/VIS = 0.74, also ebenfalls starke IR-Absorption. Das unterscheidet es klar von wasserfreiem Chromoxidgrün (Cr₂O₃), das normalerweise eine sehr hohe IR-Reflexion hätte. Der niedrige Wert passt besser zu Viridian (Chromoxidhydrat, Cr₂O₃·H₂O).
- Bleiweiß ist in den weißen Pinselstrichen gut erkennbar: IR/VIS über 2.0 kombiniert mit mäßiger UV — das Profil von Bleicarbonat.
Interessant: Die dunkle Spiralmitte zeigt trotz dunkler violetter Erscheinung ein hohes IR/VIS von 2.17 — das deutet auf eine Mischung mit Kadmiumrot hin, dessen IR-Signal durch die überlagerte dunkle Farbe im VIS nicht mehr sichtbar ist, im IR aber noch durchscheint.
Dr. Martin Pracher, Mai 2026