Paradigmenwechsel: Vom Schadensgutachten zum Integritätsgutachten

Ein neuer Maßstab für die Beurteilung von Kunstwerken

Schon immer wurde der Zustand von Kunstwerken – insbesondere im Kontext von Versicherungsfällen und restauratorischen Maßnahmen – über den Begriff des Schadens definiert. Ausgangspunkt jeder Bewertung war die Frage nach der Beschädigung: Was ist verloren gegangen? Welche Eingriffe waren notwendig? Welche Wertminderung ergibt sich daraus?

Diese Perspektive ist tief in der Praxis verankert. Und sie hat ihre Berechtigung. Doch sie ist in ihrer methodischen Anlage begrenzt.

Ruben Aubrecht (*1980, Wien), Video still from „Untitled (Out of Order)“, 2006, miniDV, loop, colour, silent, 3′ 00“
It seems as if a notice is stuck to a monitor, attached with a piece of adhesive tape. The note reads: DEFEKT (out of order). But the notice, the tape and the filmed screen are nothing more than the video work itself.

Denn die Beurteilung eines Schadens ist keine objektive Größe. Sie ist immer auch Ergebnis einer individuellen, erfahrungsbasierten Einschätzung – des Sachverständigen, des Restaurators, des Connoisseurs. Zwei Fachleute können denselben Befund unterschiedlich gewichten, mit entsprechend divergierenden Ergebnissen für Zustandsbeschreibung und Wertminderung. Hinzu kommt ein grundlegenderes Problem: Die klassische Schadensbewertung fokussiert fast ausschließlich auf die materielle Ebene. Sie betrachtet Substanzverluste, Überarbeitungen, Retuschen, strukturelle Veränderungen. Damit reduziert sie das Kunstwerk auf seine physische Erscheinung.

Ein Kunstwerk ist mehr als Material

Ein Kunstwerk ist Träger von Bedeutung. Es vermittelt künstlerische Intention, ist eingebettet in historische Kontexte und entfaltet seine Wirkung in der Wahrnehmung durch den Betrachter. Diese immateriellen Dimensionen sind für die Qualität und den Wert eines Werkes konstitutiv – werden aber in einer rein schadensorientierten Bewertung nur unzureichend erfasst.

Hier liegt der Ausgangspunkt für einen notwendigen Perspektivwechsel: weg von der ausschließlichen Orientierung am Schaden, hin zur Beurteilung der Integrität eines Kunstwerks.

Was Integrität bedeutet

Der Begriff der Integrität ist im allgemeinen Sprachgebrauch mit Unversehrtheit und Ganzheit verbunden. Auf Kunstwerke übertragen beschreibt er jedoch keinen absoluten Zustand, sondern ein relatives Verhältnis. Maßgeblich ist nicht die bloße Abwesenheit von Schaden, sondern das Zusammenwirken aller individuellen Eigenschaften eines Werkes im Vergleich zu einem idealtypischen Referenzzustand – dem fiktiven, optimal erhaltenen, museal gepflegten Werk gleicher Art und Güte. In der gutachterlichen Methodik wird Werkintegrität als das Verhältnis von materieller Substanz und immaterieller Aussage verstanden. Bewertet wird nicht isoliert ein Zustand, sondern das Zusammenspiel von Material, Gestaltung, historischer Aussage, Kontext und Wahrnehmung. Diese Betrachtung führt zu einer grundlegenden Differenzierung zwischen zwei Ebenen.

Materielle Integrität

Portrait des Barocks, um 1750, Öl auf Leinwand, Craquellébildung und Ausbrüche.

Die materiellen Kriterien der Integrität umfassen die physische Substanz und deren Erhaltungszustand: die Originalsubstanz, die technische Ausführung und deren Veränderungen, die formale Struktur sowie historische Alterungs- und Gebrauchsspuren. Entscheidend ist dabei nicht nur, ob Veränderungen vorliegen, sondern wie sie zu bewerten sind. Substanzverluste wirken grundsätzlich negativ. Werkimmanente Alterungsspuren hingegen – Patina, Craquelé, altersgerechte Oxidation – können die Authentizitätswirkung eines Werkes sogar stärken. Sie sind Teil seiner historischen Realität, nicht Abweichung davon.

Immaterielle Integrität

Die immateriellen Kriterien erfassen die Bedeutungsebene des Werkes: künstlerische Intention, inhaltliche Aussage, historischer und kultureller Kontext sowie die Wahrnehmung des Werkes als kohärente Einheit.

Ein Werk kann trotz materieller Eingriffe eine hohe immaterielle Integrität aufweisen, wenn seine Aussage, Funktion und Wahrnehmung weitgehend unverändert geblieben sind. Umgekehrt kann ein materiell weitgehend erhaltenes Werk in seiner immateriellen Integrität beeinträchtigt sein – etwa wenn sein ursprünglicher Kontext verloren gegangen ist oder seine Aussage durch Überformungen nicht mehr erkennbar ist.

Erst durch die systematische Trennung und gleichzeitige Zusammenführung dieser beiden Ebenen wird eine differenzierte Bewertung möglich. Der Vergleich mit einem museal gepflegten Referenzwerk schafft dabei einen objektivierten Maßstab, der über die individuelle Einschätzung hinausgeht.

Integrität als dynamisches Gefüge

Im klassischen Versicherungsmodell ist der Schaden der Tiefpunkt. Eine Restaurierung kann den Zustand verbessern, erreicht aber – so die Annahme – niemals wieder das Niveau eines unbeschädigten Werkes. Die Wertminderung bleibt dauerhaft bestehen.

Skulptur des Barocks, um 1780, ausgespänter und gekitteter Riss.

Die Betrachtung über die Integrität führt zu einer differenzierteren Einschätzung. Eine fachgerechte Restaurierung kann nicht nur Schäden beheben, sondern die Lesbarkeit, Stabilität und Wahrnehmung eines Werkes wesentlich verbessern. In solchen Fällen kann die Integrität – insbesondere auf immaterieller Ebene – ein Niveau erreichen, das mit einem unbeschädigten Referenzwerk annähernd vergleichbar ist.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr: Wie stark ist ein Kunstwerk beschädigt?“ Sie lautet: „Wie viel seiner materiellen und immateriellen Integrität ist im Vergleich zu einem optimal erhaltenen Werk noch vorhanden?“

Integrität ist kein statischer Zustand. Sie ist ein dynamisches Gefüge, das Verlust und Wiederherstellung gleichermaßen erfasst.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr: „Wie stark ist ein Kunstwerk beschädigt?“ Sie lautet: „Wie viel seiner materiellen und immateriellen Integrität ist im Vergleich zu einem optimal erhaltenen Werk noch vorhanden?

Fazit

Dieser Perspektivwechsel hat weitreichende Auswirkungen – insbesondere im Versicherungswesen. Die Bewertung wird nachvollziehbarer, weil sie auf definierten Kriterien und einem klaren Referenzmaßstab basiert. Die Abhängigkeit von subjektiven Einzeleinschätzungen nimmt ab. Wertminderungen werden nicht mehr primär aus dem Schaden abgeleitet, sondern aus dem Grad des Integritätsverlustes.

Damit entsteht ein System, das der Komplexität von Kunstwerken gerecht wird. Es berücksichtigt nicht nur materielle Veränderungen, sondern auch die immateriellen Qualitäten, die den eigentlichen Wert eines Werkes ausmachen.

Der Schritt vom Schadensgutachten zum Integritätsgutachten ist kein optionaler Ansatz. Er ist eine fachliche Notwendigkeit.

Dr. Martin Pracher, März 2026

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